AllgemeinWWO1 »Die Zauberflöte«

Alte Dinosaurier

Es ist die 8. Stunde, alle sind müde und wollen nur nach Hause. Da wird gerade der Overhead-Projektor quietschend in das Klassenzimmer geschoben. Die einzigen positiven Assoziationen mit ihm sind, dass man für einen kleinen Moment den Raum verlassen darf, um ihn oder ein Ersatzkabel aus einem anderen Raum zu holen. Dabei kann selbst ein solch scheinbar veraltetes Medium wesentlich mehr! Man wird es kaum glauben, doch Projektionskünstler*innen wie Katrin Bethge geben diesen »Fossilien« ein zweites Leben. Analog entstehen dort Aufnahmen durch das Vermengen unterschiedlicher Flüssigkeiten. Öl, Glycerin, Tusche, Alkohol und andere Texturen bringen uns in die variierenden und mystischen Welten der Königin der Nacht und des Priesters Sarastro. In Glasbecken direkt auf der Leuchtfläche des Projektors können weitere dreidimensionale Materialien wie Wasser, Zucker, organische Strukturen, Frischhaltefolie oder Spülmittel miteinander reagieren.

Mit Lupe und Messer – alles in Miniatur für die Projektion!

»Die Zauberflöte« am NTM

Ästhetisch liegt das visuelle Inszenierungs-Konzept für die erste White-Wall-Oper »Die Zauberflöte« von Jan Dvořák und Katrin Bethge zwischen klaren Linien, geometrischen Formen und fließenden, unkontrollierbaren Mischungen. Diese ähneln dem derzeit beliebten »acrylic pouring« sehr, da durch das Mischen bzw. Ineinanderlaufen der Materialien Blasen und fließende Formen entstehen können. Die vergänglichen Malereien sind Unikate, die nicht reproduzierbar sind. Sie verwandeln die Oberflächen eines Raumes, in den sie fallen auf einzigartige Weise. Ob an Straßenkreuzungen, in Galerien, in Kirchen oder auf der Bühne, in Echtzeit oder in vorgefertigten Aufnahmen – fast überall können die großformatigen Projektionen, die unter anderem durch Farben und Pulver entstehen, die Umwelt verändern. So begleitet die Hamburger Künstlerin Projekte aus den Bereichen Theater, Fotografie und Tanz sowie, Ausstellungen und Aktionen im Stadtraum, auf internationalen Bühnen und Festivals.

Ein begeisternder Blickwinkel

Mitten im Geschehen! Pulver, Öle, Farben – alles kommt in das Becken auf dem Projektor.

Besonders mit Mozarts weitverbreiteter »Zauberflöte« gelingt es auf Mannheims Opernbühne die Zuschauer*innen Teil des Stücks werden zu lassen. Gerade durch die noch nie zuvor gesehene oder gehörte Fassung von Jan Dvořák, der eine interaktive Erzählerin in die Inszenierung einbaut, entsteht ein neuer Handlungsrahmen. Das Publikum wird unmittelbar in die Geschichte einbezogen, da die Erzählerin dieses einerseits direkt anspricht, andererseits aber auch noch eine weitere Rolle im Stück übernimmt. Man begibt sich auf eine Fantasiereise, die jede*n miteinschließt. Die WWO1 macht es möglich, trotz Pandemie musikalische und visuelle Erfahrungen des Aufbruchs und der Unbeschwertheit zu machen und nimmt uns mit auf die abenteuerliche Reise des albernen Vogelmenschen Papageno und des liebestollen Prinzen Tamino.

Nähere Informationen zur Neuinszenierung, eine Stückeinführung sowie einen Trailer, der Einblick ins Stück gibt, findet ihr hier https://www.nationaltheater-mannheim.de/de/oper/stueck_details.php?SID=3821